"Gemeinsam" - Puppen als Hilfsmittel für die vorurteilsbewusste Erziehung
Sonderausstellung im Hessischen Puppenmuseum Hanau-Wilhelmsbad
"Als Redakteurin ist man viel unterwegs. Museen, Ausstellungen, Festivals und Shows locken eben nicht nur Sammler und Liebhaber von Puppen an.
Auch die Presse und mit ihr die Mitarbeiter von Fach- und Sammlermagazinen sind vor Ort und fotografieren, schreiben und berichten.
Puppen & Spielzeug ist seit über 30 Jahren Teil dieser Puppenwelt. Die Zeitschrift bietet vielen Künstlerinnen und Künstlern die Gelegenheit, sich und ihre Puppen einem spezialisierten Publikum vorzustellen und für sich zu werben.
Neuigkeiten über Auktionen, Highlights und Preise finden ebenfalls Raum in unserer Zeitschrift, und sie spiegelt auf diese Weise auch die Marktentwicklung.
Nicht zu vergessen die Museen, über deren Sonderausstellungen und Spezialgebiete wir immer gerne berichten. Große und kleine Museen, städtische oder private – dort gibt es immer etwas Neues zu entdecken und zu lernen.
Als Redakteurin kommt man auch dort viel herum, und mit der Zeit wächst das digitale Fotoarchiv.

So waren wir hocherfreut, als Museumsleiterin Frau Dr. Maren Raetzer Ende 2009 die Idee hatte, in dieser Sonderausstellung „Gemeinsam – Puppen als Hilfsmittel für eine vorurteilsbewusste Erziehung“ Fotos von Künstlerpuppen zu zeigen. Doch woher nehmen? So erhielten wir einen Anruf in der Redaktion mit ihrer Anfrage nach Abbildungen von ethnischen Künstlerpuppen.
Natürlich waren wir sofort begeistert von der Idee und erfreut, aus unserem großen Fundus die schönsten Bilder, zum Teil unveröffentlicht, in diesem Rahmen zu präsentieren." (Ruth Ndouop-Kalajian)
Ethnische Puppen
Auch unter Künstlerpuppen sind Puppen mit verschiedenen Hautfarben vertreten. Woher kommt diese Vorliebe? Wofür stehen diese Puppen?
Sie zeigen, wie klein die Welt eigentlich ist, dass wir in einer globalisierten Welt leben. Das Fremde und das Eigene rücken näher zusammen, nähern sich an. Auf der anderen Seite wird das Fremde idealisiert: Schöne Puppen mit überbordender Ausstattung, einer Fülle von Accessoires. Diese sind nicht unbedingt original, sondern Ausdruck künstlerischer Freiheit der Schöpferin. Daneben stehen schlicht-schöne Puppen, deren Reiz in der Konzentration auf das Wesentliche liegt. Die Modellierung ist ausgeprägt, die Ausstattung ist kostbar, manchmal original, aber nicht unbedingt traditionell. Kleider, Hosen, Röcke, Schuhe – sie sind in demselben Stil gehalten wie bei weißen Puppen auch. Das Fremde wird hier weniger unter dem Aspekt der Exotik gesehen. Puppen, die Interpretationen fremder Kulturen sind, zeigen die große Bandbreite der Puppenkunst. So wie auch die Menschen nicht alle blond und blauäugig sind, sind auch die Puppen verschieden.

Dazu gehört auch, sich einmal Gedanken zu machen über ihre Bezeichnung, denn häufig fällt immer noch der Begriff „Negerpuppe“. Der Duden empfiehlt bereits seit mehreren Jahren, den Begriff „Neger“ nicht mehr zu verwenden wegen seiner abwertenden und rassistisch geprägten Bedeutung. Auch die Süßigkeit „Negerkuss“ hat unbeschadet einen Namenswechsel vertragen: Schokoküsse, Schaumbällchen – jeder weiß, was damit gemeint ist. Wer braunhäutige Puppen liebt, kann ihnen auch eine ansprechende und nicht beleidigende, sondern eine neutrale und würdige Bezeichnung geben!
Viel Freude mit den Puppen und Bildern dieser Ausstellung wünscht Ihnen
das Team von Puppen & Spielzeug
Frank Wohlfarth
Ruth Ndouop-Kalajian
Susanne Nagels
Jutta Nagels
Bilder von der Eröffnung der Ausstellung "Gemeinsam" - Puppen als Hilfsmittel zur vorurteilsbewussten Erziehung am 7. Februar 2010:

AntikerAutomat:
In Kunst und Literatur gerne idealisiert, aber in der Realität oft ausgegrenzt: Sinti und Roma, umgangssprachlich auch Zigeuner genannt.
So bilden die Persona Dolls den dritten Schwerpunkt der Ausstellung. Das sind Puppen, die in Kindergärten und Grundschulen pädagogisch eingesetzt werden und vom Projekt „Kinderwelten“ an der Universität Berlin im Rahmen der Förderung von vorurteilsbewusster Erziehung entwickelt wurden. Erzieherin Petra Beutel z.B. arbeitet in ihrer Berliner Kindertagesstätte seit einigen Jahren mit Persona Dolls und demonstrierte den Besuchern am Eröffnungstag der Ausstellung ihren Einsatz. Dazu hatte sie die Puppen Lilli Seeta, Emil, Verena, Sebastian und Mwazilinda mitgebracht. Jede Puppe hat ihre Persönlichkeit und Familiengeschichte, sei es Migration, Übergewicht, Behinderung oder Patchwork. Die Erzieherin hält die Puppe auf ihrem Schoß und spricht für sie. Mit den Kindern wird im Stuhlkreis ein bestimmtes Thema behandelt, typische Kinderthemen, aber auch ganz Allgemeines. Die Puppe Mwazilinda aus Berlin, deren Eltern aus Afrika stammen z.B. erzählt der Erzieherin, dass sie oft gefragt wird, woher sie kommt, wobei sie doch in Berlin geboren ist.
Die Kinder lernen, dass man deutsch sein kann, auch wenn man eine andere Hautfarbe besitzt. Überhaupt stellen die Kinder fest, dass jeder eine Hautfarbe hat, die ein bisschen unterschiedlich ist. Oder Emil: Er wächst mit zwei Müttern auf, eine Familienform, die man heutzutage immer öfter antrifft. Oder Sebastian, der im Rollstuhl sitzt. Die Kinder lernen, sich über die Puppe in andere einzufühlen und sich Gedanken zu machen über Fragen, mit denen sie sich vorher kaum auseinandergesetzt haben oder bereits Vorformen von Vorurteilen verinnerlicht hatten.
„Das Hessische Puppenmuseum lenkt mit dieser Ausstellung den Blick auf die Ursachen und die verschiedenen Erscheinungsformen von Vorurteilen, die sich auch in der Puppen- und Spielzeugwelt, also in einer scheinbar ‘heilen Welt’ niederschlagen“, so Klaus Remer, Kulturbeauftragter der Stadt Hanau bei der Eröffnung. „Als Rassist oder Fremdenfeind wird man nicht geboren. Diese Einstellungen eignen sich Menschen im Laufe ihrer Sozialisation an, in der Familie, in der Kindertagesstätte, in der Freundschaftsgruppe, in der Schule, überall dort, wo Werte vermittelt, aber auch Vorurteile empfangen und aufgenommen werden.“

Mit dem Aufkommen der Kolonialisierung produzierte die Industrie auch braune Puppen, die als „Exoten“ oder „Negerpuppen“ beliebt wurden – aber eben auch ein bestimmtes Weltbild transportierten: die angebliche Überlegenheit der Europäer gegenüber den kolonisierten Menschen.
Das Hessische Puppenmuseum ist seit der Neueröffnung im März 2009 nach mehrjähriger Sanierung und Erweiterung beliebtes Ausflugsziel nicht nur für viele Hanauer Familien, sondern auch bei Puppenliebhabern aus ganz Deutschland. Die großzügig gestalteten Vitrinen setzen die Puppen mit ihrem Zubehör regelrecht in Szene, auch zum Anfassen für Kinder gibt es Einiges. Bis zum Sommer sollen, so Kulturbeauftragter Klaus Remer, auch die Außenarbeiten abgeschlossen werden, so dass das Museum dann nicht nur von innen attraktiv ist, sondern auch von außen einladend wirkt.

Museumsleiterin Dr. Maren Raetzer und P & S-Redakteurin Ruth Ndouop-Kalajian bei der Eröffnung der Ausstellung.
"Gemeinsam - Puppen als Hilfsmittel für eine vorurteilsbewusste Erziehung"
7. Februar bis 18. April 2010
Hessisches Puppenmuseum Hanau-Wilhelmsbad
Parkpromenade 4, Arkadenbau
63454 Hanau-Wilhelmsbad
Tel.: 06181-86212
Öffnungszeiten: Di. bis Fr. 10:00 - 12:00 und 14:00 - 17:00 Uhr
neu: Sa. und So. 10:00 bis 17:00 Uhr durchgehend geöffnet




